Puma – Der Silberlöwe
Fast reglos lag er in den Büschen und beobachtete das junge Reh am Wasserloch. In nur zwei schnellen Sprüngen könnten seine Zähne im Nacken des Tieres verbissen sein. Doch er wartete und beobachtete nur. Er konnte sehen, wie das Reh der Umgebung lauschte. Es wusste nicht welche Gefahr sich in der Dämmerung zwischen den Büschen versteckte. Puma atmete flach und spürte die feuchte Erde unter seinen Pfoten. Bei dem Gedanken das warme Blut in seinem Maul laufen zu lassen, gräulte sein Magen. Mit seinem langen Schwanz strich er am Busch vorbei. Und wie erwartet erschrack das Reh. Er sah die Angst in den Augen bevor das Reh voller Panik davon lief. Noch war sein Hunger nicht groß genug.
Das Rascheln der Blätter weckte Puma aus seinem tiefen Schlaf. Sein silbergraues Fell glänzte im Sonnenlicht, dass durch das Laub fiel. Er streckte seinen athletischen Körper und spürte wie jeder Muskel gedehnt wurde. Doch plötzlich wurde sein Jagdinstinkt geweckt. Ein Eichhörnchen saß auf einem Ast nicht weit von ihm. Er setzte zum Sprung an. Noch bevor das Eichhörnchen verstand was geschah war sein kleiner Körper im kräftigen Kiefer des Berglöwen. Das Gefühl der Sättigung überkam ihm zusammen mit dem Beigeschmack der Reue. Doch fürs erste war er nicht mehr hungrig.
Er stand an seinem Lieblingsplatz sehr weit oben auf einem Felsen. Von dort aus konnte er seinen Blick über das Naturreich schweifen lassen. Es war nicht mehr lange zur Gefährtenwahl. Und er hatte noch keine Idee, wie er seine Pflicht erfüllen sollte. Es sollte eine Zeremonie geben, an der alle jungen Berglöwen ihre Jagdtrophäen präsentierten. Je größer das Hirschgeweih, desto stärker der Jäger. Die schönsten Weibchen suchten sich die stärksten Jäger.
Puma zog durch die Wälder. Angetrieben von seiner Pflicht und Bürde. Hin und wieder sah er Hirsche, deren Geweihe eine beachtliche Größe hatten. Es wäre ein Leichtes für ihn eine ansehnliche Trophäe zu erbeuten. Er besitzt Schnelligkeit und Wachsamkeit unter seinem muskuliösen Körper. Doch zum Töten braucht er auch das Verlangen nach Fleisch.
Der Treffpunkt der Berglöwen war nur noch wenige Tagesmärsche entfernt. Puma suchte sich die höchsten Bäume, um einen guten Überblick zu erhalten. Er saß auf einem Ast, als er plötzlich das Bellen von Hunden hörte. Und kurz darauf sah er zwei Jagdhunde, die einen Hirsch zur Gelswand hetzten. Der Hirsch hatte kaum noch Kraft und sein Fell war mit Bisswunden übersäht. Die abgerichteten Hunde trieben es immer weiter in die Enge. Einer der Hunde ergriff die Chance, sprang dem Hirsch an die Kehle und verbiss sich in das dichte Fell. Nun lag das Tier auf dem Boden, die scharfen Zähne des Hundes immer noch im Fleisch. Die Schreie, die von dem Hirsch ausgingen lösten Zorn im Berglöwen aus. Angespornt von Erbitterung und Mitgefühl sprang Puma aus seinem Versteck und schnellte zum Geschehen. Als die beiden Hunde den riesigen Berglöwen bemerkten, flechten sie die Zähne um ihre Beute zu verteidigen. Doch der kehlige Laut, der tief aus Pumas Brust kam ließ sie zusammen schrecken und sie flohen zurück in den Wald.
Als Puma sich dem Hirsch zuwandte, sah er, dass das Tier mit Blut überströmt war und sein Körper viele fleischige Wunden hatte. Er lauschte der schwachen Atmung des Tieres. Ob es die Nacht überleben würde? Es wäre falsch das halbtote Tier sich selbst zu überlassen. Also setzte er sich dicht daneben, um das Tier zu bewachen. Der Hirsch war zu Kraftlos, um Widerstand zu zeigen. Puma horchte bis tief in die Nacht der immer langsamer werdenden Atmung. Bis der Hirsch seinen letzten vollen Atemzug nahm. Er bedauerte den grausamen Tod des Lebewesens. Doch war er hin und her gerissen von seiner Moral und der Pflicht, die ein Berglöwe zu erfüllen hatte. Seine Gewissenslast war unbeschreiblich groß, als er die ehrenlose Tat begann und die unverdiente Trophähe an sich nahm. Um die Missetat hinter sich zu lassen machte er sich wieder auf seinen Weg zur Gefährtenwahl. Puma ahnte nicht, dass ihn jemand beobachtete und folgte.
Kurz vor der Abenddämmerung erreichte er sein Ziel. Die blutrünstigsten und gefährlichsten Jäger waren schon da und schätzten sich gegenseitig ab. Es waren einige gigantische Geweihe dabei. Pumas Geweih war definitiv nicht eines der kleinsten. Er bekam paar bewundernde Blicke zugeworfen. Doch trotzdem fühlte er sich unwohl unter so vielen Fleischverehrern zu sein.
Der Tag der Gefährtenwahl war gekommen. Alle mächtigen Berglöwen stellten sich in Reihen auf. Vor ihnen lagen die Eroberungen. Die ersten Weibchen trafen ein. Sie versprühten eine einmalige Grazie. Ihre Felle waren frisch geleckt und glänzten rötlich in der Mittagssonne. Es dauerte nicht lange, bis die Reihen immer kleiner wurden. Kaum ein Weibchen würdigte Puma eines Blickes. Und allmählich kamen immer weniger Weibchen zur Wahl. Vielleicht war es besser so? Wie sollte Puma auch ein Weibchen ernähren, wenn er nicht mal für sich selber jagte? Die Zweifel drängten sich immer weiter in seinem Kopf. Er wollte verschwinden, doch plötzlich ging ein Keuchen durch die Menge. Puma sah nach dem Grund und erstarrte in der Bewegung. Er hatte noch nie zuvor eine pech-schwarze Berglöwin gesehen. Sie war wunderschön und bewegte sich voller Anmut. Alle Blicke waren auf sie gerichtet, als sie durch die Reihen ging und jeden einzelnen in die Augen schaute anstatt auf das Geweih zu achten. Und nun stand sie vor Puma. Sie starrten sich lange an. In ihrem Blick lag Sehnsucht und Erkennung. Sie hatte ihn lang genug nachgespürt und wusste, dass er ihr wahrer Gefährte war. Sie waren beide gleich mit ihren Gedanken und dem Mitgefühl gegenüber anderen Lebewesen. Gern einsam wollten sie das Töten hinter sich lassen und eine Ernährungsweise ohne Fleisch beginnen. Sie wollten frei von Schuldgefühlen sein und nicht mehr gezwungen sein ihren Artgenossen gleich zu tun.
Puma hat nicht nur eine Gefährtin fürs Leben gefunden, sondern auch die Harmonie in seinem Herzen.